50 Jahre CWG – Die Anfänge der Christian-Wagner-Gesellschaft e.V.

Texte von Axel Kuhn

 

(1) Die Gründungsversammlung

Am 5. Februar 1972 trafen sich 17 Personen in der Waldgaststätte Warmbronn, um eine Christian-Wagner-Gesellschaft zu gründen. Zuvor hatte ein Freundeskreis am 15. Januar ebenfalls in der Waldgaststätte einen öffentlichen Christian-Wagner-Abend mit dem Redner Otto Heuschele veranstaltet. Als Ziel war damals „das Zusammenfinden der Freunde Christian Wagners in seinem Heimatdorf“ angegeben worden. Die Neuzugezogenen sollten Gelegenheit bekommen, „Näheres über den großen Sohn ihrer neuen Heimat zu hören“. Warmbronn hatte nämlich in den 1960er Jahren einen Bauboom erlebt. Während im Dorf nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder etwa genau soviel Einwohner lebten, wie zu Wagners Geburt (nämlich 660), war die Zahl der Einwohner 1972 auf 3400 gestiegen. Ermutigt durch den erfolgreichen Verlauf des Heuschele-Abends erarbeiteten Vinzenz John und Eisenhart von Loeper einen Satzungsentwurf und luden zur Gründungsversammlung ein. In der Einladung heißt es, man habe die Absicht, „eine Vereinigung der Freunde Christian Wagners ins Leben zu rufen, deren erste Aufgabe in einer Neuverlegung der Werke des Dichters bestehen soll.“ Die Schriften Christian Wagners waren nämlich seit langem vergriffen.

Auf der Gründungsversammlung wurde die Satzung verabschiedet und ein erster Vorstand gewählt. In der Satzung wird als Zweck der CWG 1. die „Förderung der Kenntnis von Leben und Werk des Dichters Christian Wagner, die Neuherausgabe und Verbreitung seiner Schriften“ sowie 2. die „Gestaltung von offenen Vortrags- und Ausspracheabenden über kulturell interessierende Fragen, namentlich über Probleme der Schonung und Entfaltung des Lebendigen“ bezeichnet. Die Erhaltung des Dichterhauses stand bei der Gründung der CWG also nicht im Mittelpunkt. Gewählt wurden: 1. Vorsitzender: Eisenhart von Loeper; 2. Vorsitzender: Vinzenz John; weitere Vorstandsmitglieder: Friedrich Aichinger, Ulrich Keicher, Gustav Kraut und Bruno Wagner (ein Enkel CWs). Die anderen Gründungsmitglieder waren die CW-Enkel Erich Wagner (Backnang), Oswald Kühnle (Heimerdingen), CWs Urenkel Gerold Kühnle (Sulzbach) sowie in alphabethischer Reihenfolge Hedwig Aichinger (Warmbronn), Willy Birkert (Warmbronn), Paul Huppenbauer (Leonberg), Dr. Philipp (Warmbronn), Ernst Rattke (Leonberg), Heinz C. Rudolph (Warmbronn), M. Rudolph (Warmbronn) und Erwin Scheuerle (Warmbronn).

 

(2) Die Wiederentdeckung Christian Wagners

Als am 5. Februar 1972 siebzehn Personen in der Waldgaststätte die Christian-Wagner-Gesellschaft gründeten, waren der Warmbronner Dichter und sein Werk nahezu in Vergessenheit geraten, beziehungsweise den zahlreichen Neubürgern der Gemeinde noch unbekannt. Wohl hatte Warmbronn im Jahr 1950 zum 115. Geburtstag ihres Ehrenbürgers eine Christian-Wagner-Gedenkfeier im Gasthaus Zur Traube veranstaltet. Doch lange Jahre vergingen, bis es 1968, zu seinem 50. Todestag, eine weitere Warmbronner Wagner-Feier gab. Nur in wenigen Zeitungsartikeln wurde seit 1945, zumeist zum Geburts- oder Todestag Wagners, an sein Leben und Werk erinnert. Als Redner und Verfasser zeichneten damals vor allem August Lämmle und Otto Heuschele ein Bild des Dichters, das nicht mehr so ganz in die 1960er Jahre passte. Zwar setzte sich der in Leonberg lebende Bruno Wagner, ein Enkel des Dichters, unermüdlich für das Werk seines Großvaters ein, zwar hielt Willy Birkert aus Warmbronn Christian Wagners Andenken unter den Naturfreunden wach; aber die beiden blieben doch lange Jahre lang Einzelkämpfer. 1968 lehnte der Warmbronner Gemeinderat Birkerts Antrag ab, die „Waldschule“ Warmbronn in „Christian-Wagner-Schule“ umzubenennen. Schon 1962, bei der Einweihung der Schule, hatte diese Anregung keine Mehrheit gefunden. Vor allem aber war es für die Kenntnis von Christian Wagners Werk nachteilig, dass man seine Bücher nicht mehr kaufen konnte. Die letzte Ausgabe seiner Dichtungen war 1927/28 erschienen und natürlich längst vergriffen. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass sich die Gründungsmitglieder der Christian-Wagner-Gesellschaft als erste Aufgabe die „Neuverlegung der Werke des Dichters“ vornahmen. Die Verwirklichung dieser Aufgabe sollte zu einer Wiederentdeckung Christian Wagners beitragen.

 

(3) Christian Wagners Werk wird neu bewertet

Als nächstes Datum nach dem 5. Februar 1972, der Gründung der Christian-Wagner-Gesellschaft, steht der 14. April 1972 zu Buche. An diesem Tag fand im Gasthaus „Grüner Baum“ die erste Mitgliederversammlung statt. Anwesend waren 15 Personen, die entweder schon Mitglieder waren oder die es durch ihre Unterschrift neu wurden, wie Karl Kollmann, der spätere langjährige Vorsitzende. Im Mittelpunkt der Versammlung stand ein Vortrag von Ulrich Keicher über „Christian Wagner in der literarischen Welt“. Der damals 29-jährige Keicher zeichnete darin ein neues Bild des Warmbronner Dichters, indem er Wagners zahlreiche Kontakte zu Zeitgenossen sowie die Würdigungen zur Sprache brachte, die der Dichter nach seinem Tod erfuhr. Aus dem bisherigen Bauernpoeten, dessen Dichtung angeblich ein „Bekenntnis zur Heimatscholle“ gewesen sei, erstand vor den Ohren der Anwesenden einer der „größten deutschen Lyriker“ des 19. Jahrhunderts. So hieß es im Versammlungsbericht der Leonberger Kreiszeitung.

In einer Aussprache über die Herausgabe von Christian Wagners literarischem Werk war man der Meinung, dass es für eine Gesamtausgabe noch zu früh sei. Stattdessen sollte „wenigstens ein kleines Gedichtbändchen zusammengestellt“ werden. Diese Aufgabe wurde Ulrich Keicher übertragen. Statt des ursprünglich geplanten kleinen Bändchens bereitete Keicher einen stattlichen Band mit Zeichnungen von Gunther Böhmer und einem Vorwort von Albrecht Goes vor, was das „Unternehmen“ nicht nur verteuerte, sondern auch den Erscheinungstermin bis November 1973 verzögerte. Keicher griff bei seiner Gedichtauswahl zum ersten Mal wieder auf die Handschriften Christian Wagners zurück, die im Deutschen Literaturarchiv Marbach verwahrt werden. Hermann Hesse hatte in seiner Auswahl von Wagner-Gedichten 1913 die Originalfassungen nach Gutdünken vielfach verändert. Und Wilhelm Rutz brachte 1927/28 bei seinem Versuch, die drei Teile der „Sonntagsgänge“ zu einem Band zusammenzufassen, Wagners Werk völlig durcheinander. Keichers neue Gedichtausgabe wurde deshalb zur Grundlage einer neuen, quellenkritisch gesicherten Beschäftigung mit dem Werk des Dichters.

 

(4) Wo „aus Dorn und Schilf das Elend brach hervor“

Die Christian-Wagner-Gesellschaft hatte sich bei ihrer Gründung am 5. Februar 1972 als Hauptziel die „Neuherausgabe und Verbreitung“ von Christian Wagners Schriften vorgenommen. Doch wie sollen die Texte des Warmbronner Dichters veröffentlicht werden? Schon zu seinen Lebzeiten gab es eine erste Rechtschreibreform, und zwar 1901. Ihr ist vor allem das h hinter dem T zum Opfer gefallen. (Nur am Thron durfte auf Weisung Kaiser Wilhelms nicht gerüttelt werden.) Christian Wagner hat diese Reform jedoch nicht übernommen und an seiner „Heimath“ ebenfalls nicht gerüttelt. Aber die Setzer und Verleger seiner Bücher passten Wagners Manuskripte stillschweigend der damals neuen Rechtschreibreform an. Seine Handschriften haben also nicht denselben Wortlaut wie seine Veröffentlichungen. Muthig ist es also, wann man jetzund seine Mährchen handschriftsgethreu wieder herausgiebt, und dieß aus Werthschätzung für das Vermächtniß des todten Dichters thut.

Eine andere Option war es, Wagners Werke in Faksimile zu veröffentlichen. Das heißt aber: in der alten, damals üblichen Frakturschrift. Da musste man nun manches Wort zwei Mal lesen und wusste nicht genau, ob einem dabei die Luft oder die Lust ausging. Selbst ein Antiquar, der ja eigentlich auf alte Schriften spezialisiert sein sollte, bietet den II. Teil der „Sonntagsgänge“ Wagners mit dem Untertitel „Heitere Märchen und Balladen“ an. „Heitere“ Märchen hat Wagner nie geschrieben – wohl aber „Weitere“ Märchen.

So war es eine richtige Entscheidung, die Neuausgaben von Wagners Schriften der heute gültigen Rechtschreibung anzupassen: Denn die Lesefreundlichkeit seiner Texte ist die erste Voraussetzung dafür, dass seine Schriften verbreitet werden. Das hat Ulrich Keicher in der Wagner-Gedichtausgabe von 1973 getan. Und seinem Beispiel ist die CWG gefolgt, als sie begann, Wagners Werke in Einzelausgaben neu herauszubringen. Doch niemand ist vor Fehlern gefeit. So heißt es in einer unserer Neuausgaben: Wo „aus Dorn und Schilf das Elend brach hervor“. Von Wagner gemeint war natürlich das „Elen“, also der Elch. Das geht auf unsere Kappe. Helau!

 

(5) 1968/1972: Ein frischer Wind verändert auch die Beschäftigung mit Christian-Wagners Werk

Ende der 1960er- /Anfang der 1970er-Jahre wehte nach der Konrad Adenauer-Ära und dem Ludwig- Erhard-Zwischenspiel ein frischer Wind durch die Bundesrepublik Deutschland. Manche Stichworte dieses Aufbruchs sind unvergesslich: deutsche Bildungskatastrophe, Studentenbewegung, sozialliberale Koalition unter Willy Brandt, Anerkennung der DDR. Die Gründung der Christian-Wagner-Gesellschaft am 5. Februar 1972 war in diesen allgemeinen Neubeginn eingebettet. Die schöngeistige Betrachtung von Literatur, für die in Sachen Christian Wagner Otto Heuschele und August Lämmle maßgeblich gewesen waren, verlor allgemein an Bedeutung. An den Universitäten gab es einen, wie man sagte, Paradigmenwechsel von der geistesgeschichtlichen Interpretation eines Gesamtwerks zur Formanalyse einzelner Gedichte, Dramen oder Romane. Die Frage nach der poetischen Verfahrensweise, nach der Entstehung eines Gedichts wurde nun gestellt. „Wie ist das Gedicht gebaut?“, lautete jetzt die Leitfrage, oft noch zum Leidwesen der Studierenden, die lieber über das Leben des Autors referieren wollten, und das „lyrische Ich“ im Gedicht mit dem Autor verwechselten. 1968, im Jahr von Christian Wagners 50. Todestag, hatte Werner Dürsson in der Stuttgarter Zeitung den ersten „modernen“ Christian-Wagner-Text veröffentlicht. Der 36jährige Dürsson, selbst Schriftsteller, wies darauf hin, dass der Warmbronner Dichter „ein starkes Gespür für eigene Wortbildungen“ besitze, „deren Untersuchung sich lohnen könnte“. Wagner sei ein vorzüglicher „Reimer“, heißt es weiter, er bringe „neben viel Alliterationen und Assonanzen“ schon „Reimkombinationen“, an denen „sich später Rilke gütlich tat“. Und aus der Beobachtung der „Formalien“ im Gedicht konnte man zu derselben Ansicht gelangen, die Ulrich Keicher bei seinem Aufsehen erregenden Vortrag „Christian Wagner in der literarischen Welt“ am 14. April 1972 in der Mitgliederversammlung der CWG durchblicken ließ: Christian Wagner gehört zu den größten deutschen Lyrikern des 19. Jahrhunderts.

 

(6) Das Christian-Wagner-Haus stand 1972 vor dem Abbruch

Die Erhaltung von Christian Wagners Geburts- und Wohnhaus war nicht ausschlaggebend für die Gründung der Christian-Wagner-Gesellschaft im Februar 1972. Das Haus war baufällig und unbewohnbar. Seit etwa 1970 waren in der Presse Artikel erschienen, die den Abbruch des Hauses voraussagten. So titelte die Stuttgarter Zeitung am 20. Mai 1970: „Christian-Wagner-Haus in Warmbronn wird abgerissen – Reparatur unmöglich, Erhaltung des kleinen Museums unwahrscheinlich.“ Selbst im Kreis der Gründungsmitglieder hatte man eine Erhaltung des Hauses anscheinend schon aufgegeben. So schrieb das spätere Vorstandsmitglied Gustav Kraut am 4. Januar 1972 in einem langen Christian-Wagner-Aufsatz in der Leonberger Kreiszeitung: „Das Haus, in dem Christian Wagner bis zu seinem Lebensende gewohnt und gearbeitet hat, in dem er seine schönsten Gedichte schrieb, ist dem völligen Verfall nahe und so, wie die Dinge heute liegen, kaum noch zu retten. Ist aber die Erhaltung des geistigen Erbes Christian Wagners, seiner Gedichte und Prosaschriften, nicht eine ungleich viel höhere, wichtigere Aufgabe?“ Folgerichtig wurde die Erhaltung des Hauses auch nicht in der ersten Satzung der CWG erwähnt. Auf der ersten Mitgliederversammlung der CWG am 14. April 1972 sahen selbst die Enkel des Warmbronner Dichters, Bruno Wagner und Oswald Kühnle, „den Abbruch des Geburtshauses als unabwendbar an“. Man hoffte lediglich, in einem etwaigen Neubau auf diesem Grundstück die Wagner-Stuben wieder einrichten zu können.

Erst nachdem das Hauptziel, das sich die CWG bei ihrer Gründung gesetzt hatte, nämlich die Veröffentlichung eines Christian-Wagner-Gedichtbandes, vor der Verwirklichung stand, richteten sich die Blicke von Vorstand und Mitgliedern auf die Erhaltung des Christian-Wagner-Hauses. Eine Kehrtwende vermeldeten die Zeitungen übereinstimmend Anfang August 1973: Nach Untersuchungen des Kreisbauamts war das Haus nicht baufällig, es bestand keine Einsturzgefahr. Es müsste nicht abgerissen, es könnte auch renoviert werden, hieß es. Dieser überraschende Befund löste in der CWG neue Überlegungen und Aktivitäten aus.

 

(7) 1973: HAP Grieshaber in Warmbronn

Grieshaber (1909 – 1981), der in Reutlingen auf der Achalm lebende bedeutende Holzschneider und Maler, fand 1973 auf der Rückreise aus der DDR an der Grenze im Brückenrasthaus einen Artikel in der „Zeit“ vom 3. August mit dem Titel „Vom Abriss bedroht. Das Haus des Christian Wagner.“ Grieshaber riss den Artikel heraus und nahm ihn mit nach Hause. Dort lag er, wie seine Lebensgefährtin Margarete Hannsmann in ihrem 1986 veröffentlichten Buch „Pfauenschrei. Die Jahre mit HAP Grieshaber“ berichtet, auf seinem Stehpult neben dem Band „Gesammelte Dichtungen von Christian Wagner“, den Otto Güntter 1918 herausgegeben hatte. Der Gedichtband stammte aus der Bibliothek von Hannsmanns Großmutter. Wagner war am 15. Februar 1918, dem neunten Geburtstag Grieshabers, gestorben. Auch Grieshaber hatte den Namen des Dichters zuerst von seinem Großvater gehört. Am 6. August 1973 fuhren Grieshaber und Hannsmann nach Warmbronn, um nachzusehen, „wie das mit dem Abreißen sei, ob man uns brauche.“  Man brauchte sie. Hannsmann beschrieb den Zustand des Christian-Wagner-Hauses: „Verfall fängt an sich auszubreiten, die Dachziegel sind mürb, auf den Wänden Flecken, Abblätterndes, Löcher, zerschlagene Scheiben, morsches Gebälk, Brennesselbüsche.“ So entstand der Plan, ein Büchlein herzustellen, der Christian-Wagner-Gesellschaft zu schenken, die den Erlös zur Rettung des Hauses verwenden sollte. Grieshaber stellte sechs Rindenschnitte her: darunter Christian Wagner mit einem umgebundenen Sähtuch, Christian Wagner mit der Sichel mähend, Christian Wagner mit seiner „Kreatur“ in den Armen. Margarete Hannsmann steuerte ihr Gedicht „Das Haus des Christian Wagner“ bei. Die Fotografin Ricca Achalm, Grieshabers Tochter, hatte bei einem zweiten Besuch von Grieshaber und Hannsmann in Warmbronn Fotos vom Inneren des Dichterhauses gemacht. Im Deutschen Literaturarchiv Marbach suchten Grieshaber und Hannsmann Texte von Wagner aus, die sie im Faksimile seiner Handschrift mit veröffentlichten. Alles in allem: ein immenser Aufwand in kurzer Zeit. Der Band trägt nur den Titel „Christian Wagner – Warmbronn“, und ist unpaginiert – aber eine kostbare Rarität. 200 Exemplare wurden in Bad Cannstatt von dem Drucker Walter Cantz in einen unscheinbaren braunen Karton gebunden und mit einem verschwommenen Foto des Dichters geschmückt. Ein Exemplar befindet sich im Christian-Wagner-Archiv Warmbronn, datiert auf den 3. XI. 73. Was es wohl mit diesem Datum auf sich hat?

 

(8) 3. November 1973: Eine denkwürdige Versammlung

Zum Höhepunkt in der noch jungen Geschichte der Christian-Wagner-Gesellschaft wurde eine Feier vom 3.11.1973 in der Warmbronner Turnhalle. Anlass der Versammlung, an der rund 300 Personen teilnahmen, war die Übergabe der ersten fünf  Exemplare des neuen, von Ulrich Keicher herausgegebenen Wagner-Gedichtbands durch den Konrad Theiss Verlag. In einem Grußwort sprach Prof. Dr. Wilhelm Hoffmann, Präsident der Deutschen Schillergesellschaft, über die „literaturgeschichtliche Position, in der Christian Wagner heute zu sehen ist“. Wagner sei nicht der „einfache schwäbische Bauerndichter“, als der er so oft hingestellt werde, führte Hoffmann aus, er gehöre vielmehr mitten hinein in die Reihe unserer großen Lyriker. Damit unterstützte Hoffmann die Einschätzung Keichers, die dieser im Nachwort zum Gedichtband noch einmal formulierte: Die 84 ausgewählten Gedichte sollten dazu beitragen, Christian Wagner „aus seinem idyllischen, heimatbezogenen Naturmythos an ein helleres Licht zu holen“. Deutlich wird, dass es nicht nur um eine Wiederentdeckung Christian Wagners ging, sondern um eine Neubewertung seines Werks. Hauptredner des Abends war der Pfarrer und Schriftsteller Albrecht Goes, der jahrelang in Gebersheim gewohnt hatte. Unter dem Titel „In drei Sphären“ interpretierte Goes feinsinnig und empfindsam fünf Gedichte Christian Wagners. Ulrich Keicher sprach ein Schlusswort; ein Warmbronner Streichquartett spielte einen Satz aus Mozarts Divertimento Nr. 1 („übrigens recht gut“, wie die Stuttgarter Zeitung befand) und Eisenhart von Loeper leitete als Vorsitzender der CWG eine kurze Diskussion um die Erhaltung des Christian-Wagner-Hauses. Dann wollten die Besucher aufbrechen, doch es gab noch eine unvorhergesehene Überraschung. Zwei Damen kletterten mit einem Koffer auf die Bühne: Margarete Hannsmann, die Lebensgefährtin, und Ricca, die Tochter von HAP Griehaber. In dem Koffer befanden sich 200 Exemplare eines Christian-Wagner-Buchs mit sechs Holzschnitten von HAP Grieshaber. Der Künstler schenkte sie der CWG; deren Erlös (100 DM pro Exemplar) sollte der Renovierung des Christian Wagner-Hauses dienen. Schnell waren die Bücher verkauft und die ersten 20 000 DM als Grundstock zur Renovierung des Hauses vorhanden. Die CWG ging nach diesem denkwürdigen Samstagabend mit neuem Schwung auf die Suche nach weiteren Sponsoren, und die Liebhaber von Christian Wagners Werk konnten sich über den ersten repräsentativen Gedichtband seit langem freuen.

 

(9) Der Gründungsvorsitzende: Eisenhart von Loeper

Nur vier Vorsitzende leiteten die Christian-Wagner-Gesellschaft in den bisherigen 50 Jahren ihres Bestehens. Alle vier haben der CWG aufgrund ihrer Kenntnisse, Fähig-keiten und Beziehungen ein besonderes Gepräge gegeben. Als Gründungsvorsitzender stand der Leonberger Rechtsanwalt Dr. Eisenhart von Loeper vom 5. Februar 1972 bis zum 11. Oktober 1975 an der Spitze der CWG. Er gab sein Amt auf der Mitgliederversammlung des Jahres 1975 an Dr. Karl Kollmann ab, weil er von Leonberg nach Nagold verzogen war, blieb aber noch bis Dezember 1981 als Beisitzer Vorstandsmitglied. Eisenhart von Loeper hat vor allem mit zwei Initiativen die Entwicklung der CWG maßgeblich bestimmt.  Als Natur- und Tierschützer war er daran interessiert, dass sich die CWG auch öffentlich zu aktuellen Themen „über Probleme der Schonung und Entfaltung des Lebendigen“ – Christian Wagners Lebensmaxime – äußert. Er hat diesen Schwerpunkt als zweite Aufgabe der CWG nach der Förderung der Kenntnis von Leben und Werk Christian Wagners in die Satzung aufnehmen lassen. So stand im Mittelpunkt der ersten öffentlichen Veranstaltung der CWG (nach der Gründungs- und der Mitgliederversammlung) ein damals heiß diskutiertes Thema. Am 8. Juli 1972 sprach Dr. med. Joachim Weitzsäcker (Brackenheim) in der Gaststätte „Grüner Baum“ über „Atomkraftwerke und Umweltschäden“. Der Referent war Vorsitzender der Schutzgemeinschaft gegen Atomkraftwerke in Lauffen a. N. In der Aussprache über den Vortrag gab ein Techniker des Kernkraftwerks Neckarwestheim heftig Contra. Die Einmischung der CWG in aktuelle gesellschaftspolitische Probleme aus dem Geiste Christian Wagners geriet allerdings in den folgenden Jahren etwas in den Hintergrund. Zu sehr nahm die neue Aufgabe, das Christian-Wagner-Haus zu retten, die Vorstandsmitglieder in Anspruch. Aber auch bei dieser Aufgabe konnte von Loeper seine Kenntnisse als Rechtsanwalt erfolgreich einbringen. Aufgrund seiner Bemühungen wurde das Christian-Wagner-Haus vom Landesdenk-malamt Ende 1973 unter Denkmalschutz gestellt. Möglich wurde diese „diplomatische Meisterleistung“ des Vorsitzenden, nachdem das Denkmalschutzgesetz geändert worden war und nunmehr auch kulturgeschichtliche Bauten unter Schutz gestellt werden konnten.

 

(10) Der Langzeitvorsitzende: Karl Kollmann

36 Jahre lang stand Dr. Karl Kollmann an der Spitze der Christian-Wagner-Gesellschaft. Er hatte das verantwortungsvolle Amt am 11. Oktober 1975 als Nachfolger des Gründungsvorsitzenden Eisenhart von Loeper übernommen. Am 24. November 2011 trat er als Vorsitzender zurück. Doch Karl Kollmann blieb weiterhin als Beisitzer Mitglied im Vorstand – er bringt bis heute seine jahrzehntelange Erfahrung in die Arbeit der CWG ein. Kollmann war einer von den Warmbronner Neubürgern, um die sich die CWG bei ihrer Gründung 1972 besonders bemühte. Zwar gehörte er nicht zu den 17 Gründungsmitgliedern, trat aber schon bei der ersten Mitgliederversammlung am 14. April 1972 der CWG bei. In seiner Rede zum 40. Jubiläum der CWG beschrieb er 2012, wie er Anfang der 1960er Jahre durch einen Essayband von Theodor Heuss auf Christian Wagner aufmerksam wurde – Jahre, bevor er mit seiner Familie 1968 nach Warmbronn zog und Wagner sozusagen als seinen ehemaligen Nachbarn entdeckte. Die ersten acht Jahre seiner Vorstandsschaft standen ganz im Zeichen der Auseinandersetzung um den Erhalt und die zukünftige Nutzung des Christian-Wagner-Hauses. Kollmann gründete eine Wählergemeinschaft, die stärkste Fraktion im Ortschaftsrat wurde, verband den Kampf um das Christian-Wagner-Haus mit anderen kommunalen Projekten, wie die Verlegung der Mülldeponie und den Erhalt der „Alten Moste“, musste aber erleben, dass er dadurch der CWG auch politische Gegner zuführte. Nachdem Warmbronn in Leonberg eingemeindet worden war, debattierte man lang und breit über eine zukünftige Nutzung des Hauses: Es sollte nicht nur Gedenkstätte, sondern ein Ort lebendiger Begegnungen werden. Der Plan, im ersten Stock die Ortsbücherei unterzubringen, zerschlug sich – Gott sei Dank, muss man heute sagen. Der von der CWG vorgesehene Architekt wurde vom Leonberger Gemeinderat ausgebootet und durch einen anderen ersetzt, der die Renovierung „freier“ gestaltete. Doch Ende gut, alles gut: Am 14. Oktober 1983 wurde das neue Christian-Wagner-Haus feierlich eröffnet, und Karl Kollmann, um seine Erinnerungsrede von 2012 noch einmal zu zitieren, fiel ein großer Stein vom Herzen. Man konnte sich nunmehr ganz der eigentlichen Aufgabe der CWG, „der Pflege des kulturellen und geistigen Erbes Christian Wagners widmen“.

PS: Die Warmbronner Schrift „40 Jahre Christian-Wagner-Gesellschaft“ ist in diesem Jahr im Christian-Wagner-Haus kostenlos erhältlich.

 

(11) Ein Zentrum kulturellen Lebens

Die Christian-Wagner-Gesellschaft war von Anfang an nicht nur ein literarischer Verein. Natürlich blieb es ihre Hauptaufgabe, die Kenntnis von Leben und Werk des Dichters Christian Wagner zu fördern, und zwar durch die Neuherausgabe und Verbreitung seiner Schriften. Aber schon die erste öffentliche Veranstaltung nach der Gründung und der ersten Mitgliederversammlung setzte 1972 einen neuen Akzent: Mit einem Vortrag über „Atomkraftwerke und Umweltschäden“ mischte sich die CWG in eine damals heiß diskutierte Debatte ein. Mit Christian Wagners Lebensmaxime der Schonung alles Lebendigen, mit seinem ökologischen Denkansatz, sollten gesellschaftspolitische Probleme unserer Zeit beleuchtet werden. Das war vor allem ein Anliegen des Gründungsvorsitzenden Eisenhart von Loeper gewesen. Unter dem Vorsitz von Karl Kollmann, der das Amt 1975 übernahm, ging es nicht nur um den Erhalt des Dichterhauses in Warmbronn; Kollmann begann auch, die CWG zu einem Zentrum kulturellen Lebens im Ort, ja in Leonberg, auszubauen. Dazu gehörte für ihn, der selber musizierte, auch die klassische Musik. Zu einem markanten Datum dieser Entwicklung wurde der 14. Mai 1975. Veranstaltet von der Christian-Wagner-Gesellschaft gab der bekannte Tübinger Pianist Dr. Erhard Mitschischek in der Aula der Leonberger Gerhart-Hauptmann-Realschule einen Klavierabend. Er spielte Sonaten von Brahms, Beethoven und Schubert. Der Erlös des Abends wurde dem Baufonds zur Erhaltung des Christian-Wagner-Hauses zugeführt. Für die Warmbronner Konzertbesucher stellte die Firma Kappus einen Bus zur Verfügung. Immer häufiger wurden die literarischen Veranstaltungen der CWG von klassischer Musik umrahmt; so zum Beispiel der Festvortrag von Walter Helmut Fritz zu Christian Wagners 140. Geburtstag: Der Vortrag fand am 14. November 1975 im Leonberger Haus der Begegnung statt und brachte auch den Liederzyklus „Ein Blumenstrauß“ zu Gehör, den Karl Bleyle 1909 nach Christian Wagners Gedichten komponiert hatte. Wiederentdeckung und Neubewertung von Christian Wagners Werk, gesellschaftspolitische Debatten, Konzertveranstaltungen und politische Auseinandersetzungen um die Rettung des Dichterhauses – man staunt im Nachhinein, dass die junge CWG diese thematische Vielfalt ohne größere Verluste ausgehalten hat.

 

(12) Das älteste Gründungsmitglied: Willy Birkert

Was wäre ein Verein ohne seine Mitglieder? 17 Personen gründeten am 5. Februar 1972 die Christian-Wagner-Gesellschaft; im Oktober 1974 hatte die CWG 58, ein Jahr später bereits 81 Mitglieder. Das älteste Gründungsmitglied war Wilhelm Birkert aus Warmbronn. Als er am 2. Januar 1978 im Alter von 86 Jahren starb, schrieb Gustav Kraut, ebenfalls Gründungsmitglied, im Mitteilungsblatt Warmbronn einen Nachruf auf ihn. Kraut nannte Birkert „die Keimzelle des neu erwachten Interesses an Christian Wagner“. Schon viele Jahre vor der Gründung der Christian-Wagner-Gesellschaft habe Birkert „den Gedanken an den Dichter und sein Werk“ lebendig gehalten. Birkert sei es auch gewesen, der die Warmbronner Gemeindeverwaltung zum 50. Todestag des Dichters 1968 für eine größere Wagnerfeier gewinnen konnte. Und diese Feier, in der Otto Heuschele den Festvortrag hielt und Uta Kutter Wagner-Gedichte vortrug, habe den Anstoß für das Zusammenfinden der Christian-Wagner-Freunde in Warmbronn gegeben, die dann die CWG ins Leben riefen. Es ist kein Zufall, dass gerade Willy Birkert sich so stark für Christian Wagner einsetzte. Denn oft war er früher als junger Mann im Kreis seiner Wandergenossen, den „Naturfreunden“, von Stuttgart nach Warmbronn gepilgert, um den Dichter zu besuchen. So war Birkert für die jüngeren Wagner-Freunde weit mehr als einfach ein Mitglied der CWG; mit seinen Erinnerungen an den Dichter bildete er „eine lebendige Brücke von uns Heutigen hin zu dem Menschen Christian Wagner“ in seinen beiden kleinen Stuben. Parallel zu den Bestrebungen der neugegründeten CWG um die Herausgabe eines Bandes mit Christian Wagners Gedichten begann Willy Birkert von Januar bis April 1972 im Mitteilungsblatt Warmbronn Wagners Prosaband „Eigenbrötler“ zu veröffentlichen. Es wurden 12 Folgen. Danach setzte er den Satzungszweck der CWG, Leben und Werk Christian Wagners zu verbreiten, weiter um, indem er in loser Folge – bis einen Monat vor seinem Tod – im Mitteilungsblatt Gedichte Wagners veröffentlichte. „Die Wenigen von uns“, schrieb Gustav Kraut, „die näher mit Herrn Birkert bekannt wurden, haben es wohl gespürt, dass er etwas von der Strahlungskraft Christian Wagners in sich aufgenommen haben musste, das er nun selbst ausstrahlte.“

 

(13) 1974: ein Fund auf dem Stuttgarter Flohmarkt

Die Christian-Wagner-Gesellschaft zog nach ihrer Gründung auch junge Menschen an. Eins dieser jungen Mitglieder war der 26jährige Rolf Jente aus Kirchheim/Teck. Ihm verdankt die CWG sieben Fotos von Christian Wagner, die den Dichter nicht in gestellten Atelieraufnahmen, sondern im Umkreis seiner Wohnung und seines Gartens zeigen. Ein großer Fang war es, den Jente auf dem Stuttgarter Flohmarkt machte. Das Datum hat er nicht vergessen: Am 11. Mai 1974 – damals fand der Flohmarkt nur zweimal im Jahr statt – stöberte Jente auf dem Schillerplatz in alten Fotoalben. Plötzlich stutzte er, schaute genauer hin. „Wie erstaunt war ich“, schrieb Jente 1980 in einer Jahresschrift der CWG, „als mir beim Durchblättern der Alben auf verschiedenen Aufnahmen das unverkennbare Antlitz Christian Wagners entgegenblickte.“ Für ein paar Mark erstand Jente mehrere dieser Fotobücher, fuhr nach Warmbronn und schaute sich das Geburtshaus des Dichters an, um ganz sicher zu gehen. Das Haus war zwar eingerüstet und stand vor der Renovierung; aber Jente konnte es mit seinen Fotos vergleichen. Danach gab es keinen Zweifel mehr.
Drei der sieben Aufnahmen aus der Sammlung Jente gehören heute zu den bekanntesten des Dichters: Christian Wagner, aus dem geöffneten Fenster seiner Wohnung schauend – in der 2018 neugestalteten Ausstellung im Christian-Wagner-Haus klebt eine Vergrößerung genau in der Fensteröffnung. Christian Wagner in seiner Stube am Ess- und Schreibtisch sitzend; zwischen drei Schalen mit Speiseresten arbeitet der Dichter in seinen Manuskripten. Und drittens das vielleicht interessanteste Foto: Christian Wagner, auf dem Rücken einer lebenslustigen „Gärtnerin“ eins seiner Bücher signierend. Die junge Dame steht auf einem anderen Gruppenfoto mit derselben karierten Bluse und derselben Harke neben dem Dichter und lächelt ihn an. Jente glaubt, dass die Fotoalben aus dem Nachlass des Stuttgarter Schriftstellers Richard Ungewitter, einem Pionier der Freikörperkultur, stammen. Recht hat er wohl: Ungewitter besuchte den Warmbronner Dichter mehrmals, korrespondierte mit ihm, und seine Frau liebte die Gedichte Christian Wagners. Bevor Ungewitter sich der Schriftstellerei zuwandte, arbeitete er übrigens als Gärtnereigehilfe – ob die flotte  Dame mit der Harke wohl seine Frau war?