50 Jahre CWG – Die Anfänge der Christian-Wagner-Gesellschaft e.V.

Texte von Axel Kuhn

(im Warmbronner Mitteilungsblatt über das Jahr 2022 publiziert)

 

(1) Die Gründungsversammlung

Am 5. Februar 1972 trafen sich 17 Personen in der Waldgaststätte Warmbronn, um eine Christian-Wagner-Gesellschaft zu gründen. Zuvor hatte ein Freundeskreis am 15. Januar ebenfalls in der Waldgaststätte einen öffentlichen Christian-Wagner-Abend mit dem Redner Otto Heuschele veranstaltet. Als Ziel war damals „das Zusammenfinden der Freunde Christian Wagners in seinem Heimatdorf“ angegeben worden. Die Neuzugezogenen sollten Gelegenheit bekommen, „Näheres über den großen Sohn ihrer neuen Heimat zu hören“. Warmbronn hatte nämlich in den 1960er Jahren einen Bauboom erlebt. Während im Dorf nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder etwa genau soviel Einwohner lebten, wie zu Wagners Geburt (nämlich 660), war die Zahl der Einwohner 1972 auf 3400 gestiegen. Ermutigt durch den erfolgreichen Verlauf des Heuschele-Abends erarbeiteten Vinzenz John und Eisenhart von Loeper einen Satzungsentwurf und luden zur Gründungsversammlung ein. In der Einladung heißt es, man habe die Absicht, „eine Vereinigung der Freunde Christian Wagners ins Leben zu rufen, deren erste Aufgabe in einer Neuverlegung der Werke des Dichters bestehen soll.“ Die Schriften Christian Wagners waren nämlich seit langem vergriffen.

Auf der Gründungsversammlung wurde die Satzung verabschiedet und ein erster Vorstand gewählt. In der Satzung wird als Zweck der CWG 1. die „Förderung der Kenntnis von Leben und Werk des Dichters Christian Wagner, die Neuherausgabe und Verbreitung seiner Schriften“ sowie 2. die „Gestaltung von offenen Vortrags- und Ausspracheabenden über kulturell interessierende Fragen, namentlich über Probleme der Schonung und Entfaltung des Lebendigen“ bezeichnet. Die Erhaltung des Dichterhauses stand bei der Gründung der CWG also nicht im Mittelpunkt. Gewählt wurden: 1. Vorsitzender: Eisenhart von Loeper; 2. Vorsitzender: Vinzenz John; weitere Vorstandsmitglieder: Friedrich Aichinger, Ulrich Keicher, Gustav Kraut und Bruno Wagner (ein Enkel CWs). Die anderen Gründungsmitglieder waren die CW-Enkel Erich Wagner (Backnang), Oswald Kühnle (Heimerdingen), CWs Urenkel Gerold Kühnle (Sulzbach) sowie in alphabethischer Reihenfolge Hedwig Aichinger (Warmbronn), Willy Birkert (Warmbronn), Paul Huppenbauer (Leonberg), Dr. Philipp (Warmbronn), Ernst Rattke (Leonberg), Heinz C. Rudolph (Warmbronn), M. Rudolph (Warmbronn) und Erwin Scheuerle (Warmbronn).

 

(2) Die Wiederentdeckung Christian Wagners

Als am 5. Februar 1972 siebzehn Personen in der Waldgaststätte die Christian-Wagner-Gesellschaft gründeten, waren der Warmbronner Dichter und sein Werk nahezu in Vergessenheit geraten, beziehungsweise den zahlreichen Neubürgern der Gemeinde noch unbekannt. Wohl hatte Warmbronn im Jahr 1950 zum 115. Geburtstag ihres Ehrenbürgers eine Christian-Wagner-Gedenkfeier im Gasthaus Zur Traube veranstaltet. Doch lange Jahre vergingen, bis es 1968, zu seinem 50. Todestag, eine weitere Warmbronner Wagner-Feier gab. Nur in wenigen Zeitungsartikeln wurde seit 1945, zumeist zum Geburts- oder Todestag Wagners, an sein Leben und Werk erinnert. Als Redner und Verfasser zeichneten damals vor allem August Lämmle und Otto Heuschele ein Bild des Dichters, das nicht mehr so ganz in die 1960er Jahre passte. Zwar setzte sich der in Leonberg lebende Bruno Wagner, ein Enkel des Dichters, unermüdlich für das Werk seines Großvaters ein, zwar hielt Willy Birkert aus Warmbronn Christian Wagners Andenken unter den Naturfreunden wach; aber die beiden blieben doch lange Jahre lang Einzelkämpfer. 1968 lehnte der Warmbronner Gemeinderat Birkerts Antrag ab, die „Waldschule“ Warmbronn in „Christian-Wagner-Schule“ umzubenennen. Schon 1962, bei der Einweihung der Schule, hatte diese Anregung keine Mehrheit gefunden. Vor allem aber war es für die Kenntnis von Christian Wagners Werk nachteilig, dass man seine Bücher nicht mehr kaufen konnte. Die letzte Ausgabe seiner Dichtungen war 1927/28 erschienen und natürlich längst vergriffen. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass sich die Gründungsmitglieder der Christian-Wagner-Gesellschaft als erste Aufgabe die „Neuverlegung der Werke des Dichters“ vornahmen. Die Verwirklichung dieser Aufgabe sollte zu einer Wiederentdeckung Christian Wagners beitragen.

 

(3) Christian Wagners Werk wird neu bewertet

Als nächstes Datum nach dem 5. Februar 1972, der Gründung der Christian-Wagner-Gesellschaft, steht der 14. April 1972 zu Buche. An diesem Tag fand im Gasthaus „Grüner Baum“ die erste Mitgliederversammlung statt. Anwesend waren 15 Personen, die entweder schon Mitglieder waren oder die es durch ihre Unterschrift neu wurden, wie Karl Kollmann, der spätere langjährige Vorsitzende. Im Mittelpunkt der Versammlung stand ein Vortrag von Ulrich Keicher über „Christian Wagner in der literarischen Welt“. Der damals 29-jährige Keicher zeichnete darin ein neues Bild des Warmbronner Dichters, indem er Wagners zahlreiche Kontakte zu Zeitgenossen sowie die Würdigungen zur Sprache brachte, die der Dichter nach seinem Tod erfuhr. Aus dem bisherigen Bauernpoeten, dessen Dichtung angeblich ein „Bekenntnis zur Heimatscholle“ gewesen sei, erstand vor den Ohren der Anwesenden einer der „größten deutschen Lyriker“ des 19. Jahrhunderts. So hieß es im Versammlungsbericht der Leonberger Kreiszeitung.

In einer Aussprache über die Herausgabe von Christian Wagners literarischem Werk war man der Meinung, dass es für eine Gesamtausgabe noch zu früh sei. Stattdessen sollte „wenigstens ein kleines Gedichtbändchen zusammengestellt“ werden. Diese Aufgabe wurde Ulrich Keicher übertragen. Statt des ursprünglich geplanten kleinen Bändchens bereitete Keicher einen stattlichen Band mit Zeichnungen von Gunther Böhmer und einem Vorwort von Albrecht Goes vor, was das „Unternehmen“ nicht nur verteuerte, sondern auch den Erscheinungstermin bis November 1973 verzögerte. Keicher griff bei seiner Gedichtauswahl zum ersten Mal wieder auf die Handschriften Christian Wagners zurück, die im Deutschen Literaturarchiv Marbach verwahrt werden. Hermann Hesse hatte in seiner Auswahl von Wagner-Gedichten 1913 die Originalfassungen nach Gutdünken vielfach verändert. Und Wilhelm Rutz brachte 1927/28 bei seinem Versuch, die drei Teile der „Sonntagsgänge“ zu einem Band zusammenzufassen, Wagners Werk völlig durcheinander. Keichers neue Gedichtausgabe wurde deshalb zur Grundlage einer neuen, quellenkritisch gesicherten Beschäftigung mit dem Werk des Dichters.

 

(4) Wo „aus Dorn und Schilf das Elend brach hervor“

Die Christian-Wagner-Gesellschaft hatte sich bei ihrer Gründung am 5. Februar 1972 als Hauptziel die „Neuherausgabe und Verbreitung“ von Christian Wagners Schriften vorgenommen. Doch wie sollen die Texte des Warmbronner Dichters veröffentlicht werden? Schon zu seinen Lebzeiten gab es eine erste Rechtschreibreform, und zwar 1901. Ihr ist vor allem das h hinter dem T zum Opfer gefallen. (Nur am Thron durfte auf Weisung Kaiser Wilhelms nicht gerüttelt werden.) Christian Wagner hat diese Reform jedoch nicht übernommen und an seiner „Heimath“ ebenfalls nicht gerüttelt. Aber die Setzer und Verleger seiner Bücher passten Wagners Manuskripte stillschweigend der damals neuen Rechtschreibreform an. Seine Handschriften haben also nicht denselben Wortlaut wie seine Veröffentlichungen. Muthig ist es also, wann man jetzund seine Mährchen handschriftsgethreu wieder herausgiebt, und dieß aus Werthschätzung für das Vermächtniß des todten Dichters thut.

Eine andere Option war es, Wagners Werke in Faksimile zu veröffentlichen. Das heißt aber: in der alten, damals üblichen Frakturschrift. Da musste man nun manches Wort zwei Mal lesen und wusste nicht genau, ob einem dabei die Luft oder die Lust ausging. Selbst ein Antiquar, der ja eigentlich auf alte Schriften spezialisiert sein sollte, bietet den II. Teil der „Sonntagsgänge“ Wagners mit dem Untertitel „Heitere Märchen und Balladen“ an. „Heitere“ Märchen hat Wagner nie geschrieben – wohl aber „Weitere“ Märchen.

So war es eine richtige Entscheidung, die Neuausgaben von Wagners Schriften der heute gültigen Rechtschreibung anzupassen: Denn die Lesefreundlichkeit seiner Texte ist die erste Voraussetzung dafür, dass seine Schriften verbreitet werden. Das hat Ulrich Keicher in der Wagner-Gedichtausgabe von 1973 getan. Und seinem Beispiel ist die CWG gefolgt, als sie begann, Wagners Werke in Einzelausgaben neu herauszubringen. Doch niemand ist vor Fehlern gefeit. So heißt es in einer unserer Neuausgaben: Wo „aus Dorn und Schilf das Elend brach hervor“. Von Wagner gemeint war natürlich das „Elen“, also der Elch. Das geht auf unsere Kappe. Helau!

 

(5) 1968/1972: Ein frischer Wind verändert auch die Beschäftigung mit Christian-Wagners Werk

Ende der 1960er- /Anfang der 1970er-Jahre wehte nach der Konrad Adenauer-Ära und dem Ludwig- Erhard-Zwischenspiel ein frischer Wind durch die Bundesrepublik Deutschland. Manche Stichworte dieses Aufbruchs sind unvergesslich: deutsche Bildungskatastrophe, Studentenbewegung, sozialliberale Koalition unter Willy Brandt, Anerkennu